…und ihre Aquarellmalerei

Nach der Abschlussklausur standen zwei Freistunden im Plan. Wir Mädchen rotteten uns zusammen. Aufgekratzt, durch unsere erste Prüfung, trotteten wir schnatternd durchs Dorf, in den Tante-Emma-Laden. Irgendwas Verrücktes musste passieren… und wir kauften eine Pulle Aprikosenschnaps.
„du wohnst doch gleich um die Ecke, da können wir ja zu dir gehen.“ Sagte Ute.
Sofort sah ich Doros missbilligenden Blick und ihren erhobenen Zeigefinger vor meinen geistigen Augen. Mit einer Handbewegung verscheuchte ich diese  Vision, heute war mir alles egal.
„Klar, gehen wir zu mir.“ Ich drehte den Schlüssel in Türschloss und die Mädels stürmten unser Wohnzimmer. Ich holte Gläser aus dem Schrank und wir gossen unsere Gefäße voll. Der Aprikosenlikör roch süß und  klebrig und noch heute hebt sich mein Magen, wenn mir dieser süsse  Geruch in die Nase steigt. Wir ließen die Flasche rum gehen, laberten und kreischten, dass unsere Nachbarin sich garantiert fragte, „was ist bei Schievelbein los?“
Sie klingelte an der Wohnungstür. Für einen Moment hielt ich den Atem an und öffnete zaghaft die Tür.
„Ist das ihre Katze die auf der Treppe sitzt?“ Sagte Frau Schmidt.
„Oh Mann, irgendwer hatte die Kinderzimmertür offen gelassen und Perserkater, Hens war entwischt. Ich lief den Treppenflur runter und suchte den Kater. Im Kellergang sah ich seine funkelnden Augen und wusste, dass ich jetzt keinen Fehler machen durfte, wenn ich ihn greifen wollte.
„Henser, mein Kleiner, na komm, was machst du hier unten“. Ich schlich mich gebückt näher und hatte ihn fast erreicht, als er sich umdrehte und das Loch zwischen den Holzlatten von Nachbars Kellertür fand. Gib niemals auf, dachte ich und stürzte hinterher. Ich erwischte den Zipfel seines Schwanzes und zog.
Lasse bloß nicht los, Katzen hassen es am Schwanz gezogen zu werden, aber ich zog den widerspenstigen Burschen aus dem Kellerloch. Nicht auszudenken wenn er entwischte. Ich sah ihn mit seinem langen taubenblauen Fell zwischen Kohlengruß, Kartoffelmatsch und Spinnweben unter Kellergerümpel verschwinden. Das gibt Trabbel. Ich werde in der Russischstunde sitzen und pausenlos an Hens denken, der durch Nachbars Keller streunte.
Nein, ich zog energisch, ein paar Schrammen musste er jetzt abkönnen und tatsächlich hatte ich ihn wieder. Ich hob ihn schnell auf den Arm und lief die Treppe hinauf in unsere Wohnung, wo die Mädels viel zu laut alberten. Die Bergersche von über uns, kam die Treppe runter. Ich sah ihre neugierigen Fragen, die sie allerdings nicht aussprach. Es war nicht zu überhören, dass bei uns eine Teeneparty stieg.

“Kinder wir müssen los“ stellte Ute fest. Ich nahm Tassen und Gläser und spülte sie schnell in Waschbecken aus, meine Wangen glühten und um mich drehte sich alles. Die Gardine hing schief und ein Couchkissen lag auf dem Boden. Was könnte Mutter noch auffallen? Ich zweifelte an meinen kritischen Augen, sie waren benebelt, vom Aprikoschnaps.
Kater  wieder fein im Kinderzimmer weggesperrt, schloss ich erleichtert die Tür, noch mal glimpflich einer Katastrophe entgangen zu sein.
„Stürzen wir uns erst mal auf Russisch.“
Helmut war einer mein Lieblingslehrer, er kam gleich nach Henry. Seinen sächsischen Dialekt hatte er auch nach zehn Jahren nicht abgelegt und seine herzhafte Lache schallte oft durch das Schulgebäude.
Irgendwie spürte er, dass wir anders als sonst waren. Wir kicherten lauter. In meinem Kopf dreht sich alles und ich fuhr Karusell. Ich legte meinen Kopf auf die kühle Tischplatte, mein  Magen hob und senkte. Dann hielt ich es nicht mehr aus, sprang auf und rannte zum Klo.
Käseweiß kam ich zurück und setzte mich wieder auf meinen Stuhl. Ich sah, dass es in Helmut arbeitete. Er war ein verständnisvoller Mann, doch wie viel Verständnis hielten Eltern und Lehrerkollegen für ratsam? Er redete über irgendwas und die Minuten seiner Russischstunde krochen dahin.
Mein Magen hob sich ein zweites Mal und half Helmut eine Entscheidung zu treffen. Ich schaffte es nur bis zum Waschbecken neben unserer Tür und kotze was mein Magen hergab. Es stank und ich hörte Ihhh Rufe und Kichern, der Mädchen.
Willy hatte mein Kotzen so inspiriert, dass er mir alles nachmachen musste. Er machte das Waschbecken neben der Tür noch voller. Ich weiß nicht wer seinen Finger später in den Ausguss steckte, um die Kotzbrocken ablaufen zu lassen. Ich weiß gar nichts mehr.
Nun war es genug, dem Vorrat an Verständnis war Sorge gewichen und Helmut holte Verstärkung.
Ratlosigkeit machte sich auf den Gesichtern breit, dann kam die Entscheidung.
„Alle bleiben auf ihren Plätzen, eure Eltern werden angerufen und jeder wird abgeholt.“
Nun hatten wir den Schlamassel. Ich legte wieder meinen Kopf auf den kühlen Tisch und die Zeit tropfte dahin. Ich brauchte doch bloß über die Schulstraße gehen. Dort fuhren kaum Autos und dann den Schlüssel ins Schloss stecken und mich auf mein Bett werfen, dachte ich mir. Wozu der Aufwand unsere Eltern zu rufen?
Aller guten Dinge sind drei, jedenfalls wenn der Magen streikt. Es gibt immer ein drittes Mal, doch diesmal kannte ich die Vorzeichen und schaffte es aufs Klo. Ich brauchte nicht lange warten, mein Vater stand bald in der Klassentür mit einem Grinsen im Gesicht, als hätte seine Tochter endlich mal etwas getan was ihm gefiel. Warum er? Mutters Arbeitsweg ist viel dichter.
Doro stand am Abend mit erhobenem Zeigefinger in der Tür und lamentierte. Ich lag auf dem Bett und langsam ging es mir besser.
Später bekam ich einen Tadel, „wegen der Vorkommnisse nach der Prüfungsarbeit“.
Ich war stolz, einmal nicht die Musterschülerin zu sein, sondern noch kurz vor Abschluss einen Tadel vorweisen zu können.

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