…und ihre Aquarellmalerei

Kindheit

„Die Erinnerung ist wie eine Katze. Manchmal schnurrt sie und will kuscheln. Dann wieder streunt sie zwischen den Beinen und man stolpert über sie. Und manchmal verkriecht sie sich unter dem Sofa und will nicht hervorkommen, so sehr man sie auch lockt.“

Isabell Allende

In dieser Zeit war ich das erste Mal verliebt.
Ich hätte es nie so genannt, doch heute weiß ich, das Diggi, die schwatzhafte gutmütige Diggi meine engste Freundin wurde. Sie kam jeden morgen mit dem Schulbus und ihre gute Laune steckte an. Ihre rotblonden Haare waren zu kleinen Zöpfchen gebunden und ihr Körper etwas rundlich. Wir waren unzertrennlich und schlichen am Nachmittag durch das Schulgebäude und klauten Ableger von verschiedenen Blumentöpfen. Sogar Doro staunte, als ich nach Tontöpfen und Blumenerde verlangte.
Im Deutschunterricht saßen wir nebeneinander und kneteten zärtlich unsere Hände, als hätten wir Angst uns zu verlieren.
Gelegentlich kam eine scherzhafte Bemerkung von Manfred über unsere Unzertrennlichkeit.
Jeder Tag in der Schule war nun ein Abenteuer mit Diggi und den anderen aus unserer Klasse. In dieser Zeit schrieben wir im Unterricht kleine Zettel, Liebesbriefe und Botschaften. Sie flogen quer durch die Klassenräume und erzeugten ein ganz neues Kribbeln. Ich bekam viel Post von Birgit. Sie gehörte zu den besten Schülern, war klein und zierlich und hatte himmelblaue Augen.

Ich fand sie schön. Es bildeten sich Freundschaftspaare und es war wichtig jemanden zu haben der mit einem „geht“. Es war quasi ein Markenzeichen. Birgit wollte mit mir befreundet sein und auch Dagmar. Sie war ein stolzes und intrigantes Mädchen, das viel krank war. Ruthchen meinte, sie hätte ein zu großes Herz. Dann kam der Tag, als Birgit zur Kur musste. In dieser Zeit begann ich das erste Mal Tagebuch zu führen. Birgit schrieb mir Briefe mit schmeichelndem Inhalt über Freundschaften. Ich fand es spannend sie zu lesen. Doch meiner Diggi blieb ich treu und Birgit konnte mir nicht das Versprechen abringen, sich mit ihr zu verbünden und Diggi sauen zu lassen.
Wie Birgit es schaffte ist mir bis heute ein Rätsel, wie konnte ich annehmen, dass sie nur mir alleine arrogante und altkluge Briefe schrieb. An dem Tag als Birgit wieder unsere Klasse betrat, erklärte Diggi mir kurzerhand, sie sei jetzt mit Birgit zusammen.
Sie hatte mir den Laufpass gegeben, einfach so, ohne jede Erklärung von einem Tag auf den anderen. Ich stand da und verstand nichts.
Sei nicht traurig und so ist nun mal das Leben, stand in einem höhnischen Brief von Birgit.
Ich litt unter Liebeskummer, aber irgendwo regte sich meine stolze und kämpferische Seite. Ich dachte nicht daran Diggi nachzulaufen sie zurück zu gewinnen. Sie hatte sich für Birgit entschieden und unsere süße Vertrautheit ein für allemal zerstört.

Eines Tages als wir unsere Mappen und Sportbeutel nach dem Mittagessen an der Hauswand aufnahmen, merkte ich, dass ein Turnschuh aus meinem Beutel fehlte. Sicher war er heraus gefallen, dachte ich und suchte unter Schulsachen. Er blieb unauffindbar. Wer weiß, vielleicht hatte sich jemand einen Spaß gemacht und ihn weit über den Zaun in den Park geschleudert. Es war unlogisch, dass er verschwunden blieb aber es war so. Gebrauchen konnte ihn niemand und die Watte die wir noch vor zwei Jahren in die Schuhspitzen steckten, musste ich längst rausnehmen. Ich besaß sie immer noch, diese verdammten Galoschen und nun war einer weg.
„Na und!“ sagte ich mir, ist sie eben weg, die verdammte Galosche, was kann ich dafür.

Am Abend als sogar Eberhard mit uns aß, erzählte ich von der verschwundenen Galosche. Ich brach meine Erzählung immer wieder ab, weil mich Lachsalven schüttelten, als ich beschrieb wie er abhanden kam.
Es war sehr still am Tisch, alle hörten mir zu. Irgendwie war es wohl auch komisch, denn was ist so amüsant daran, einen Turnschuh zu verlieren.
Mein Vater funkelte mich böse an. Vielleicht fand er, es mangle mir an Respekt für die Klamotten die sie mir kauften und für die er schwer arbeitete.
„Ha ha!“
Seine Hand zuckte verräterisch und kämpfte darum zuzuschlagen, doch dann siegte sein Mundwerk und er meckerte mich an.
„Findest du das lustig?“
Mein Lachen erstarb und eine heiße Welle der Wut kam an die Oberfläche. Und brach sich mit einem entrüsteten Wortschwall seine Bahn.
„Was kann ich dafür, dass der Turnschuh weg ist. Ich trage die schon über zwei Jahre, obwohl sie mir zwei Nummern zu groß waren und einfach mit Watte ausgestopft wurden. Ich habe die Dinger gehasst, kein Wunder, das ich Sport so schlecht bin. Jetzt sind sie weg, was kann ich dafür. Ich brauche neue. Tommy bekommt jedes Jahr ein paar neue Turnschuhe, kein Mensch regt sich darüber auf, dass seine kaputt sind. Ist eben ein Junge.
Wow, ich hatte gesprochen und es war mucks Mäuschen still am Tisch und auch das Zucken in Eberhard Rechter hatte nachgelassen.

Endlich bekam ich ein Paar neue Turnschuh;-)

(Bild Kalenderblatt Rosina Wachtmeister)

Die Pausenklingel hörten wir mit geschlossenen Fenstern. Mutter arbeitete nun ganztags und ich kam in die fünfte Klasse. In dieser Zeit saß ich gerne auf der Schaukel, ließ meinen Rock und meine Gedanken in den blauen Himmel fliegen und war glücklich dabei.

Wir trafen uns zum spielen hinter den Garagen, oder wir liefen ins Kornfeld. Dort ließen wir uns mit ausgebreiteten Armen fallen und spürten das Stacheln der Getreidehalme.

Zu Hause gab es Pflichten. Reih um, war jeder dran mit abwaschen, Tisch decken, Karnickel füttern.

Was ich stoisch verweigerte war einkaufen und Mutter gab nach. Der Laden lag gleich nebenan, aber im letzten Jahr setzte sich die fixe Idee in mir fest, dass mich alle Leute im Konsum anstarren. Gleichzeitig fühlte ich eine diffuse Angst von der Fleischverkäuferin ignoriert zu werden, wenn ich endlich an der Reihe war. Ich sah meistens zu Boden und traute mich nie etwas zu fragen. Meine Schwester kaufte gerne ein, sie wirkte freundlich und unkompliziert. Dafür hantierte ich lieber in der Waschküche. Ich heizte den riesigen Kessel für die Bettwäsche an und legte Kohlen nach. Die Zinkwannen ließ ich voll eisigen klaren Spülwassers und schleuderte die Wäsche. Hier unten war ich alleine und frei. Ich sehnte mich danach ungestört zu sein. In unseren vier Wänden hörte ich stets Doros scharfe Stimme, tue dies, mache jenes, selbst dann, wenn Mutter nicht in der Nähe war. In den Ecken der morschen Waschküchenfenster sah ich fette schwarze Spinnen. Ich fütterte sie mit Fliegen und sah zu, wie die Beute im Netz zappelte, ehe die Spinne sich auf sie stürzte. Spinnen, faszinierten mich, wie sie geduldig in ihrem Netz harrten, um endlich belohnt zu werden.

Bibi entwickelte sich zu Mutters rechter Hand. Sie bereitete gerne das Abendessen Seite an Seite mit Mutter, wirtschafteten sie in der engen Küche.

Es bahnte sich meistens eine kleine Katastrophe an, wenn Mutter ärgerlich rief, „Susi du kannst auch ruhig was tun!“.

Ich schlich dann wie ein Köter mit eingezogenem Schwanz in den schmalen Schlauch von Küche.

„Hole mir mal einen Topf für die Kartoffeln aus dem Schrank!“ Anweisung Nummer eins, meiner Mutter.

Ich bückte mich und zog die Schiebetür des Unterschranks auf und starrte in ein finsteres Loch. Die Bienenstiche hatten längst ihre Gefährlichkeit verloren, aber sie waren immer noch unvermeidlich.

Welchen Topf sollte ich nehmen? Das es ein großer sein musste war klar, denn wir schälten eine Menge Kartoffeln.

Mutter fragen, konnte ich mir sparen, ich kannte ihre Antwort.

Es war ein barsches ungeduldiges Meckern, „stell dich nicht so an“, dabei schniefte sie und schälte noch schneller.

Also nahm ich einen Topf heraus, der mir passend schien, stellte ihn kurzerhand auf den Tisch und dann kam der alternative Satz, „den doch nicht!“ und ein tiefer Seufzer meiner geplagten Mutter, die einfach eine unfähige Tochter hatte.

Ich wusste gar nichts und arbeite meistens nur in der Küche wenn ich alleine war. Dann schaffte ich den Abwasch, schnippelte Bohnen aus dem Garten und ich fand auch immer einen passenden Topf.

Es überraschte mich nicht, das meine Klassenlehrerin mich aussortierte, für die „B Klasse“. „B“ das war zweite Wahl, der Rest, die weniger Begabten, die Faulenzer und die Frechen. Nun ich war froh in die „B“ zu kommen.
Diese lebhafte runde neue Lehrerin mochte ich sofort, es konnte nur besser werden. Sie brachte die Schüler der alten Dorfschule Behrendsee mit. Jetzt waren wir wieder eine kleine Klasse. Unser Unterrichtsraum lag in der mittleren Etage, nicht mehr im dunklen Teil der Schule. Am Vormittag hatten wir die Sonnenseite und Diggis Blumentöpfe auf der Fensterbank gediehen prächtig. Wir suchten überall nach Ablegern für Topfpflanzen, um sie dann wie kleine Zöglinge zu gießen und mit freundlichen Blicken und Worten zu bemuttern.
Ruthchen gab nicht nur Unterricht, sie schwatzte gerne und wir bettelten so lange, bis sie eine Geschichte nach der anderen erzählte. Sie las „Gletschergeschichten“ von Charles Dickens und wir lauschten.
„Wie wär’s, wenn einer von euch was erzählt.“ Kam Ruthchen eines Tages auf die Idee.
Eifrig meldete ich mich und erzählte von da an, aus den Märchenbüchern, die meine Mutter sammelte. Immer öfter freuten sich meine Klassenkameraden, wenn ich nach vorne durfte, und mir machte es Spaß. Es waren schaurige Märchen darunter und manchmal mischte Ruthchen sich ein.
„Stand das wirklich in dem Märchen?“ Fragte sie, wenn ich von Eltern erzählte die so arm waren, das sie ihre Kinder weg schickten. Die Geschichten über die Geschlagenen und Verstoßenen hatten es mir angetan. Mit ihnen fühlte ich und sie entpuppten sich als reich beschenkt, stolz und glücklich, wenn ihre Zeit gekommen war.

An einem sonnigen warmen Tag in den großen Ferien, hingen die Frauen ihre Wäsche zum Trocknen auf die Leinen. Meine Geschwister spielten draußen, doch ich hatte Durchfall und Mutter entschied, „du bleibst drin!“
Es klingelte an der Wohnungstür. so energisch und doch nicht ungeduldig. Es konnte nicht Tommy sein, der sich ein Knie aufgeschlagen hatte, aber auch nicht Bibi, die nötig pinkeln musste. Vor der Tür stand Ruthchen. Doro hatte unsere kleine zweieinhalb Zimmerwohnung soweit aufgeräumt, dass der haftende Makel, kinderreiche sind chaotisch und heruntergekommen, nicht sichtbar war. Ein seltener Glücksfall. Mutter erlaubte ungern,  Freunde zum spielen in unsere Wohnung zu bringen.

„Es ist eng genug und es geht keinen was an, wie es hier aussieht.“ Sie schämte sich, doch das war nur die halbe Wahrheit. Andere Menschen, Fremde, ließ Doro aus irgendeinem Grund nicht an sich und uns heran. Die Haustür, war die Grenze zwischen uns und dem Rest der Welt.
„Susi kommst du mal“, rief meine Mutter und ich sah um die Ecke. Dort stand eine kleine runde Frau mit kurzem braunem Haar. Sie sprach schnell und ihre Stimme vibrierte vor Neugier und Eifer. Sie trat ins Wohnzimmer und wir sahen uns an. Das Licht fiel auf ihr blasses Gesicht mit den hellen Augen. Ihre Nase hatte einen Buckel. Ich fragte mich, „ob sie mal gebrochen war?“
Nun saß meine neue Lehrerin in unserem Sessel und wollte mich kennen lernen, mich die schüchterne Undine. Ich trat zu ihr und sie nahm meine Hand. In der engen karierten Hose wirkte ich noch dünner als in Kleidern.
„Weißt du ich kenne deine Omi Else. Früher habe ich ihr geholfen an der Bushaltestelle die Postsäcke im den Bus zu hieven!“

Hasenkuhle

„Schon seit zwei Tagen verschwunden“, diese Worte schnappte ich auf dem Schulhof auf.
Mutter drückte uns eine kleine Geldbörse in die Hand, den Einkaufsbeutel und es half kein Murren. Meistens fuhren wir zu zweit, Bibi und ich, und immer hingen die Wolken tief und es blies ein schneidender Wind. Der Weg führte hinter den Gärten entlang über den Acker. Dort hatte Minol einen Plattenweg verlegte, um ungehindert die Öllager auf eingezäunten Arealen zu erreichen. Wir hassten es uns in die Schlange zu stellen um dann eine Tüte mit Fleisch entgegen zu nehmen, für fünf Mark. Wir hatten die Hälfte des Rückwegs hinter uns, als ich Bibi zurief, „warte mal“. Ich stieg vom Rad, sah in Bibis verkniffenes Gesicht.

Sie wollte heim, genau wie ich, doch vorher wollte ich einen Blick in die Hasenkuhle werfen. Ich stapfte die paar Meter über den gepflügten Acker und die Erde klumpte feucht an meinen Schuhen, bis ich das Loch erreichte. Die letzte Eiszeit hatte hier einen Eisklumpen zurückgelassen. Jetzt stand eine Pfütze am Grund des zwei Meter tiefen Loches und die Haselnuss-Sträucher bogen sich im Wind. Unter einem Busch schimmerte es rot-braun. Hier hatte er also gelegen unter der feuchten Decke mit ein paar Essensresten. Dort musste er sich versteckt haben, der verschwundene Lutterjunge. Ich stellte mir vor wie es sei, unter dem Haselnuss-Strauch zu sitzen zusammengekauert und schlotternd, die Stunden endlos, der Regen…und die Nacht. Vielleicht hat er nicht die ganze Zeit dort gesessen. Keiner sitzt einfach so tagelang unter einem Busch und wartet. Vielleicht war er umhergestreift, erst durch die Gärten. Ob er in den Lauben übernachtete? Aber hier war es wo sie ihn fanden. Ich konnte nicht aufhören an den kleinen Lutterjungen zu denken, der von zu Hause weggelaufen war. Warum?

 

 

Zwischen den Neubaublöcken in Neuenhagen fühlte ich mich verloren in diesen Jahren, doch jetzt wusste ich, du bist alleine.

Wie hieß bloß diesen Märchen, mit dem Zauberspruch…: „wachse werde groß und stark, wachse Bäumchen, wachse“.

In den Ferien durfte ich zu Omi Else. Ihre Stube war wie immer, die Couch mit den bestickten Kissen, die Alpenveilchen vor dem Fenster aber vor allem die große Wanduhr mit dem Gong. Mich stört sie  nie, alle Stunde wusste ich was sie geschlagen hatte und nie war es hier still, wenigstens das Tick Tack war zu hören, mindestens das. An der Wand gegenüber hingen kleine Bilderrahmen eines mit den betenden Händen, das andere mit einem Spruch in altdeutscher Schrift: „Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“.

„Da, das ist Papi!“ Schrie Doro und zeigte auf einen der Männer die hinter dem Fußball her rannten.
Doro setzte sich auf eine schattige Bank. Wie eine Glucke wachte sie ängstlich über ihre Küken und ihren Mann. Dauernd hörten wir ihre schneidende Stimme.
„Mache dich nicht dreckig, geh nicht zu weit weg, fass das nicht an…komme da runter…!“
Papi schien sich nicht zu freuen, dass wir ihn abholten. Er sah seinen Kumpels nach, die jetzt noch ein Bier tranken und über die verlorenen Chancen des Spiels diskutierten. Der Heimweg wurde schlimmer, die Beinchen müder, das Plärren lauter, Papas Wut größer und Mamas Lippen schmaler.
Dann kamen die unaufhaltsamen Bienen, wie die barschen Worte von Doro, und große Hände die auf nackte Popos klatschten.
Später wurden einige Träume erlösend. Ich fiel nicht mehr aus dem Fenster, nein ich sprang. Manchmal nahm ich Tommy mit und wie durch ein Wunder, segelte ich sanft auf die Erde wie die Samen einer Pusteblume. Ich lachte meinen Verfolgern ins Gesicht.

In der ersten Klasse kam ich gut mit und war ein ruhiges schüchternes Mädchen.
In der zweiten Klassen wurde aus A und B – eine Klasse, weil unsere Lehrerin weg zog. Nun saßen dreißig Schüler dicht gedrängt in einem Klassenzimmer und die Stimme der blonden Lehrerin, klang genau wie Doros und der Profalla. Alle wollten Kinder ruhig stellen und ausrichten wie Zinnsoldaten.
Ich saß eingekeilt in der Mitte. Gundula, meine neue Lehrerin, teilte unsere Grammatikarbeiten aus. Meine behielt sie bis zum Schluss.
„Undine, du hast irgendwie den Stoff nicht kapiert“, gestand sie verwundert. Es war meine erste Fünf, sonst bekam ich Einsen und Zweien. Ich sah sie nur groß an, damals sprach ich wenig. Wenn ich etwas sagte, dann schnell, denn es drängelten schon die Anderen, die mir meine Sekunden der Aufmerksamkeit abjagten.
Ich stotterte jetzt gelegentlich, zwang mich aber ruhig zu sein und weniger zu reden. Meine wachen Augen sahen eine Menge. Ich war allein mit meinen Gedanken. Schöner als zur Schule zu gehen oder im Kinderzimmer zu spielen, war es abends im Bett, wenn das Licht ausging. Dann traf ich meinen besten Freund. Es war ein verlassenes weißes Hündchen, das verirrt sein Zuhause suchte.

ein Rudel junger Hunde

Wenn Eberhard in diesen Jahren zur Tür herein kam, sprangen vier Kinder ihn freudig an, wie junge Hunde. Er war der Leithund und kehrte auf seinen Hof zurück an die Kette und das machte ihn knurrig und bissig, er stieß jeden weg, der ihm jetzt zu nahe kam, seine wahre Welt war schließlich da draußen.
Doro störte es nicht, keine Freundin zu haben, doch dass Eberhard seltener zu Hause war, beunruhigte sie.
Dunkle Träume verfolgten mich in diesen Jahren, als hätte mich das Glück verlassen. Ich stürzte nicht nur vom Rad, als wir den Berg zum „hohlen Grund“ hinabsausten, sondern fiel im Traum aus dem dritten Stock, dass es in den Eingeweiden kribbelte, und immer kamen die stechenden Bienen. Ich kullerte die Bodentreppe unserer Bauernkate hinunter. Irgendjemand hatte die Bodentür offen gelassen, dass ich tief fiel.

Ich war die Große.
Was das bedeutete, lernte ich nun jeden Tag.
Besonders sonntags. Doro fühlte, dass sie irgendetwas unternehmen musste. Ihr Eberhard war zu oft weg, unter Männern, oder gab es da auch Frauen?
Eberhards Freunde waren jung und frei. Eberhard war genauso jung, doch wer wusste, das er vier Kinder hatte eine füllige Frau mit einem Dutt, die Windeln wusch, Essen kochte, Einkäufe schleppte und den Kindern sagte was gut und schlecht war?
Sie sollten es wissen, beschloss Doro und das hieß.
„Kinder anziehen!“

Egal ob Tommy plärrte, weil er noch müde war vom Mittagsschlaf, Heiko sich eine Beule holte, weil er wieder gegen die Ecke der Anbauwand geprallt war. Bibi stand da und knickste ununterbrochen, was hieß, dass sie nötig musste, aus irgendeinem Grund aber nicht aufs Klo wollte.
Ich sah zu wie sie alle plärrten, plapperten, zerrten und krabbelten.
Ich war still, fast gar nicht da, ein Geist. Tatsächlich träumte ich mich davon. Wie eine Schlafwandlerin zog ich meine Schuhe an und achtete darauf mein Sonntagskleidchen nicht schmutzig zu machen.
„Geh Pullern!“ Brüllte Doro Bibi an und band dem heulenden Tommy die Schuhe zu.
Besser war es ein Geist zu sein, weit weg, auf der Dahlienbank im  sauren „hohle Grund“.
Doro schob Heikos Kinderwagen, links und rechts Bibi und Tommy. Manchmal lief ich vor, dann trotte ich wieder hinterher. Der Weg zum Fußballplatz ist für kleine Beine lang. Er verlief schnurgerade auf einer betonierten langweiligen Straße. Der Wind hatte freie Bahn wenn er, auf unsere nackten Arme und Beine die harten Sandkörner vom Feld, blies.

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