…und ihre Aquarellmalerei

Wie siehst du denn heute aus, höre ich meine Kollegen fragen, und möchte am liebsten nicht in den Spiegel sehen. Es ist weit nach Mitternacht, als ich mir den kalten Lappen auf’s Gesicht lege. Die Kühle hilft gegen aufgebrachte Gedanken und gegen geschwollene Augen. Die Kaumuskeln angespannt, schlafe ich irgendwann ein. Zum Glück habe ich Spätschicht und kann solange im Bett bleiben wie ich mag. Was war passiert?
Mutter feiert in einer Woche ihren siebzigsten Geburtstag und ihre fünf Kinder sind die Gäste…wer hat, mit Partner. Ich komme allein, aber Herkules bringt  mich die zweihundert Kilometer nach Halle, dann fährt er wieder nach Hause.
Ich dachte  mir er könnte kurz mit rauf kommen, guten Tag sagen und vielleicht eine Tasse Kaffee trinken.
„ich will nicht, dass ER  mit mir eine Tasse Kaffee trinkt“ und die Stimme meine Mutter klingt barsch. Die Botschaft kam so unerwartet, dass es mir kurz die Sprache verschlägt was selten geschicht 😉
„…darf er nicht mal kurz guten Tag sagen und das Klo benutzen…?“
„Der kann unterwegs pinkeln“ und der hysterische Unterton meiner Mutter macht mich völlig platt.
Schönen Dank auch, sage ich und lege auf.
Ein einziger Satz reicht, um meine Freude auf unser Wiedersehen bei Muttern zu zerstören. Was geht in dieser Frau vor? Ich jedenfalls erinnere mich an den letzten eisigen Dezembergeburtstag vor einem Jahr. Auch da harrte ich still aus bis der Zug fuhr. Mutter mich anblaffte, wegen ein paar scherzhafter Worten. Es trifft immer mich nie meine Brüder. Für Mutter bin und bleibe ich ewig  das schwarze Schaf.

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